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Durch und durch europdisch

By Hilary Kramer - April 9, 2003 12:00 AM

Amerikanisch? Na, dann hat die Sache doch sicher eine unangenehme Seite! Wissen wir doch, dass Amerika die Welt mit Fast Food, Gewalt verherrlichenden Videospielen und dem Rapper Eminem verseucht hat ... Es überrascht also nicht, wenn eine andere Bastion amerikanischer Kultur, die NASDAQ, ähnlich ungute Gefühle freisetzt. Das mag auch erklären, warum die kürzlich erfolgte Einführung der NASDAQ Deutschland mancherorts in Europa mit einer Mischung aus Skepsis und Gleichgültigkeit aufgenommen wurde. Die europäische Presse und die Finanzwelt sind sich einig, dass das vorherrschende schwache Konjunkturumfeld in Kombination mit den Kraftanstrengungen, die die NASDAQ bei ihrer Expansion in Europa bereits gemacht hat, unweigerlich zu einem Fehlschlag der NASDAQ Deutschland führen wird.

Sie argumentieren, dass die anhaltende Misere an den europäischen und weltweiten Aktienmärkten ein hochgradig ungünstiges Szenario für eine Börse mit Fokus auf den Privatanleger abgibt. Zumindest in einem Punkt stimmt diese Aussage: NASDAQ Deutschland will vor allem eine leistungsfähige, leicht zugängliche Plattform für den ganz normalen Anleger sein. Tatsächlich hat sich diese neue Börse vorgenommen, die Barrieren für Wertschaffung für europäische Anleger zu beseitigen - und sie kann das, denn sie ist ein innovatives, für alle Bürger zugängliches Investmentmodell. Wie NASDAQ Deutschland das schaffen will? Durch Innovation.

Ein Beispiel ist das Handelssystem SuperMontage, das die Internalisierung von Orders erlaubt. Das bedeutet: Banken können Kundenaufträge direkt betreuen, ohne die Orders in das Orderbuch einzustellen. Das BestEx-Modell garantiert Bestausführung und Bestpreise für Transaktionen, indem es die Bank zwingt, einen Preis anzubieten, der mindestens so gut ist wie der aktuelle Preis im jeweils liquidesten Markt für das betreffende Wertpapier. Solch vorteilhafte Preisgestaltung ist in jedem Fall interessant für den Anleger, unabhängig von der gerade vorherrschenden Marktlage.

Aber - Privatanleger und die Vorteile für sie sind nur ein Teil der Geschichte. Auch Banken profitieren von diesem innovativen Marktmodell. Abgesehen von der ihnen zufallenden Kauf-/Verkaufsspanne, sind die Banken - dank Internalisierung - auch mit deutlich geringeren Orderausführungskosten belastet. NASDAQ Deutschland geht davon aus, dass rund 60 % aller Transaktionen an der neuen Börse „internalisiert" sein werden, d.h. nur rund 40 % werden im konventionellen Orderbuch-Verfahren abgewickelt. Übrigens, ein interessanter Aspekt ist in diesem Zusammenhang, dass die ursprüngliche („amerikanische") NASDAQ im Jahr 1971 gegründet wurde - lange bevor Privatanleger und individuelle Geldanlage in den Vordergrund rückten. Seitdem hat sich die NASDAQ zur führenden Börse in den Vereinigten Staaten entwickelt - immer in dem Bewusstsein, dass Innovation stattfinden muss, bevor Innovationsbedarf entsteht.

Kritiker werten die NASDAQ Europe als einen mit vielen Fragen behafteten ersten Versuch einer Börseninnovation in Europa. Zugegeben, die größte Startschwierigkeit von NASDAQ Europe ist mangelnde Liquidität. Aber - Liquidität ist bei weitem nicht nur ein Problem von NASDAQ Europe. Die Europäische Kommission selbst sieht in höherer Liquidität einen wesentlichen Faktor dafür, dass die US-Aktienmärkte in den letzten zwei Jahrzehnten konstant besser abgeschnitten haben als die europäischen Aktienmärkte. Und: Liquidität ist auch der, Hauptunterschied zwischen NASDAQ Europe und NASDAQ Deutschland - das neue Modell gewährleistet entscheidende Liquidität durch die BestEx-Funktion. Das erklärt, warum die NASDAQ es vorgezogen hat, die Strategie von NASDAQ Europe zunächst zum Aufbau nationaler Brückenköpfe - wie etwa in Deutschland - zu verwenden, um sich danach erfolgreich in ganz Europa zu etablieren.

Dieses Konzept ist in Europa nicht unbekannt, man denke hier nur an die diversen erfolglosen Versuche europäischer Börsen, sich zu einem gesamteuropäischen Markt zusammen zu tun. Gleichwohl sind in Europa nationale Börsen nach wie vor die Norm, und mehr oder weniger jede hat ihre eigenen Verfahren und Regeln. Eine europaweite NASDAQ könnte Stärke daraus gewinnen, dass sie auf nationalen Plattformen aufbaut, die alle mit einheitlichem Betriebsmodell, der gleichen Technologie und denselben Standards arbeiten und das NASDAQ-Regelwerk bereits adaptiert haben.

So wie Europa sich von unterschiedlichen Handelsräumen hin zu einem großen Binnenmarkt entwickelt hat, in dem nicht mehr Länderwährungen, sondern eine gemeinsame Währung - der Euro - gilt, ist für die europäischen Börsen der Weg zu einer paneuropäischen Börse im Grunde vorgezeichnet. Das macht die Idee hinter NASDAQ Deutschland so überzeugend - sie passt ganz einfach zu dem, was Europa politisch, wirtschaftlich und finanziell mit der Europäischen Union längst in Gang gesetzt hat. Leider hat die amerikanische Kultur in der Tat manche Züge, die man in Europa nicht unbedingt schätzt. Vielleicht aber ist diese ursprünglich amerikanische Initiative so vernünftig, weil sie im Kern durch und durch europäisch ist.
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